Nun nach langer langer Zeit mal wieder eine kleine Geschichte.
Wie ich mit großer Freude erfahren durfte, spielte eine meiner Lieblingsbands (Pearl Jam) ihr einziges Konzert in Spanien, um genau zu sein auf dem FestiMAD in Madrid. Der Entschluss, die Reise auf mich zu nehmen war schnell gefasst, da ich noch nie zuvor in den Genuss gekommen war, diese Götter der Alternativen Musik live zu erleben. Die letzten Konzerte musste ich wegen zu großer Entfernung zum Austragungsort leider verpassen und nun war es endlich so weit. Doch was hatte es mit diesem FestiMAD auf sich? Die Homepage ließ nur verlauten, dass eben Pearl Jam dort spielen würden, das Festival zwei Tage geht und in einem Stadion in einem Vorort von Madrid stattfindet. Alle anderen wichtigen Infortmationen wurden von den Homepagebetreibern, die anscheinend besseres zu tun hatten, als die Seite zu pflegen, im Verdeckten gehalten. Z.B. war bis kurz zum Beginn des Festivals keine Anfahrtsroute oder Informationen zur Unterkunft gegeben. Als dann endlich einmal der zweite Headliner bekannte gegeben wurde, nämlich Slayer war der Entschluss schnell gefasst, doch nur die Karte für den Tag, an dem Pearl Jam spielen zu kaufen. Slayer sind zwar lustig, doch ist meine Leidenschaft zu dieser Band im Laufe der Jahre doch ein bisschen abgeschwacht.
Die nächste Hürde - Unterbringung. Leider zögerten wir diesen Planungspunkt ein bisschen hinaus, weshalb uns kurz vorher nur mehr ein Hostel, von welchem auf hostelworld.com äusserst schlechte Erfahrungsberichte zu lesen waren verfügbar. Wenigstens war es billig und in guter Lage. Die Anreise traten wir (Caro, Christian, Espen und ich) wie in Spanien so üblich und durchaus erschwinglich mit dem Bus an. Nach einer leicht unterkühlten Fahrt aufgrund zu kalter Klimaanlage und schlechtem Film (vielleicht nicht unbedingt schlecht, aber eben mit spanischer Synchronisation) landeten wir in unserem wohligen Hostel.
Unser 6er Zimmer war dann doch ein 8er Zimmer, welches aber doch besser ein 6er Zimmer gewesen wäre, weil der Platz eigentlich nicht mehr zugelassen hätte. Die Toiletten und Duschen waren auch auf rekordverdächtige Maße zusammengeschrumpft. Auf der Toilette war es praktisch nicht möglich sich hinzusetzen, ohne mit den Knien die Ziehharmonikatüren beiseitezustoßen. Wenigstens hatte ein Klo eine voll funktionsfähige Klobrille, das zweite nur eine sporadisch an einer Schraube befestigte und das dritte garkeine Klobrille. Die Duschen waren ebenfalls ein Kunststück an Platzersparnis - fiel einem die Seife herunter, war man aufgeschmissen. Ausserdem stand das ganze Bad nach einem Duschgang unter Wasser - aber nun genug Hostelbashing.
Nachdem wir also das Hostel kurz besichtigt hatten gingen wir zwecks Sightseeing los in die Stadt. Vorsichtig angesichts des Taschendieb-el Dorados Madrid ließ ich die wichtigsten Sachen im Safe, leider auch meine Kamera. Zuerst gingen wir zur Puerta del Sol, wo sich die Créme de la Créme der Bettlergilde Madrids versammelte. Mein Favorit: ein Armloser, der - den Münzbecher zwischen den Zähnen geklemmt - auf und ab ging und dabei sang (!). Weiter gings zum Palast und zum angrenzenden Park.
Abends gingen wir dann in einem Fresco essen. Fresco ist ein Franchise, in dem es All-you-can-eat Buffets gibt - das tolle daran: es gibt auch so viel Kaffee wie man will - das schlechte daran: einem ist schon nach einer Portion schlecht, sodass man garnicht unbedingt mehr essen will. Danach trafen wir uns bei einer Freundin von Nadine, die in Madrid Erasmus macht, nahmen ein paar Getränke zu uns und stürzten uns ins Nachtleben. Es gab zwei Sachen zur Auswahl - einen Club mit elektronischer Musik, für den die freien Eintritte, die wir hatten allerdings begrenzt waren und eine Funk & Soul Party in einem kleineren Club. Irgendwie kamen wir nach längerem hin und her dann doch in den ersteren Club rein und stante pede wollten auch gleich 3/4 von uns wieder raus, um sich in Richtung Funk&Soul zu begeben. Der Weg war unbekannt, aber lustig und führte uns schließlich zum Ziel. Wir hatten eine nette Zeit und machten bekanntschaft mit einem japanischen oder hawaiianischen Pärchen, die vielleicht auch garkein Pärchen waren, aber tolle Hawaiihemden trugen und seit längerem in Madrid sesshaft waren.
Am nächsten Tag schälten wir uns erst viel zu spät aus dem Bett und sobald wir uns nach draußen begeben hatten, stimmten Espen und ich den Heuschnupftenkanon an. Wir kamen einfach nicht zur Ruhe - keine Ahnung, was auf einmal in der Luft schwirrte. Wenigstens konnten wir uns so in der Stadt nicht verlieren, weil wir in regelmäßigen Abständen diese akkustischen Signale von uns gaben.
Gegen Abend gingen wir dann zum Festivalgelände und kamen noch in den zweifelhaften Genuss, den Auftritt der Emocore Band “The Used” zu bewundern. Der Sänger wies die ganze Zeit darauf hin, dass Pearl Jam als nächste spielen. Zwischen zwei Liedern gab es wohl einen kleinen Tumult vor der Bühne, weil ein Security Mann zu beherzt eingegriffen hatte, worauf sich der Sänger einschaltete und den Security Mann und die Polizei aufs übelste durchs Mikrofon beschimpfte. Nach seinen fünfminütigen Wutausbruch spielte er programmgemäß seine “herzerweichende” Ballade - wie passend.
Schließlich kam der große Augenblick näher und wir begaben uns ins Getümmel, nachdem wir The Used nur von den Stadionrängen aus gesehen hatten. Das Publikum machte nicht gerade den besten Eindruck auf mich. Unfreundliche riesige Personen, die einen nicht durchlassen wollten. Zicken, die ihren Platz mit unauffälligen Tritten verteidigten und Horden angetrunkener Spanier, die wohl die Stadionatmosphäre sofort mit Fußball assoziierten und ihre Stadiongesänge zum Besten gaben.
Dann ging es endlich los. Um gleich mal die Spannung vorweg zu nehmen, hier die Setlist:
Porch
Animal
Worldwide Suicide
Hail Hail
Corduroy
Small Town
Severed Hand
Given To Fly
Green Disease
Even Flow
Daughter/(W.M.A.)(Another Brick In The Wall Pt. 2),
Alive
*Pause
Last Exit
Not For You/(Modern Girl)
Comatose
Go
*Zugabe
Black/(What Could’ve Been)
I Believe In Miracles
Baba O’ Riley
Yellow Ledbetter
Also ein typisches Festivalset - wenig langsame Lieder und ansonsten ein paar der wichtigsten Lieder, die dann jeden zufriedenstellen sollten (wofür sich die Spanier dann auch wieder in Form von olé-olé Fußballgesängen bedankten). Leider war bei dem Konzert der Sound einfach zu leise, vielleicht standen wir auch einfach in einem Klangloch. Jedoch übertönten die Mitgröhler meistens das eigentliche Konzert - ausserdem konnte man sich während des Konzertes unangestrengt unterhalten, was ja eigentlich nicht vorkommen darf. Eddie Vedder versuchte sich sogar an einigen Ansagen auf Spanisch, allerdings jedoch mit Spickzettel. Die Ansage zu Black durfte dann sein spanischer Kumpel machen und sprach den Songtitel auch in gewohnter spanischer Manier (wie mans schreibt) aus.
Nach dem Konzert konnte man mal wieder ein Paradebeispiel an spanischer Planung sehen. Selbstverständlich wollten nach dem Konzert die meisten Leute nach Hause (vielleicht auch aus dem Grunde, dass die Getränke auf dem Festivalgelände ausverkauft waren). Also strömten tausende von Personen Richtung Metrostation, um mit der letzten U-Bahn in Richtung Madrid Zentrum fahren zu können. Natürlich dachte man von Seiten der Stadtverwaltung nicht im Entferntesten daran, ein paar Extrazüge zu schicken. Also drängten sich unvorstellbare Menschenmengen an der Metrostation, von denen ein glücklicher Bruchteil wohl noch in die letzte U-Bahn kam. Es ist ja nicht so, dass es eine überraschende Situation wäre - das Festival findet jährlich statt und auch schon am Vortag dürfte die Lage ähnlich gewesen sein.
Danach fing es an zu regnen und das Gebäude wurde geschlossen, weil ja Feierabend war. Ein Taxi zu bekommen gestaltete sich schwierig, da zum einen keine Taxis aus Madrid Zentrum in den Vorort Leganés fuhren, zum anderen der Vorort keinen eigenen Taxiservice hat. Eine kleine humoristische Einlage gab es dann noch, als ein Reisebus vor der Haltestelle hielt, seine Türen verschlossen ließ und dann genau eine Person mitnahm (Bus für Bedienstete der Metro). Wo wir gerade bei Bussen sind - Busse gab es auch und zwar genau einen pro Stunde, also auch ein Tropfen auf den heißen Stein.
Wir fanden zum Glück noch eine Kneipe, die noch geöffnet war, wo wir wenigstens noch eine Stunde im Trockenen verbringen konnte, um die Zeit bis zur ersten Bahn angenehmer zu gestalten.
Später stellten wir uns dann an eine Straße, von der die Taxis aus Richtung Madrid kamen und bekamen mit viel Glück sofort ein Taxi.
Am nächsten Tag hatten wir noch ein bisschen Zeit, um Madrid zu erkunden. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hat mich an diesem Tag der Teufel geritten, dass ich alle wichtigen Sachen (Dokumente, Geld, Busfahrschein) in meinen Geldbeutel steckte und diesen auch noch in die Seitentasche meiner kurzen Hose steckte, die nur mit einem Knopf verschlossen war. Da der Teufel ja immer auf den dicksten Haufen scheißt stieg ich dann aus der U-Bahn auch gleich ohne Geldbeutel wieder aus. Also gingen ich und Caro zur Polizei, um die Anzeige zu ertstatten.
Ein Wachmann der Metro, der sich ja eigentlich auskennen sollte, schickte uns souverän in die falsche Richtung, sodass wir mit dem ganzen Gepäck einen kleinen Umweg laufen durften. Die Polizeistation war gut gefüllt mit bestohlenen Leuten - hauptsächlich Touristen. Ein Koreaner war dort beispielsweise zu sehen, dem sie die ganze Hosentasche aufgeschnitten hatten.
Der Betrieb war aber ganz gut organisiert. Man bekam eine Telefonnummer, unter der man bei der Zentrale für Anzeigen seine Anzeigen aufgeben konnte - sogar auf deutsch. Dann wartete man und bekam die Anzeige zur Korrektur und konnte sich dann eine Kopie davon mitnehmen.
Währen Caro und ich auf der Polizeiwache waren, gingen Espen und Christian zum Busbahnhof, um mir eine neue Fahrkarte zu kaufen. Sie bekamen gerade noch so die letzte Fahrkarte - wenigstens eine positive Sache an diesem Tag. Danach gingen sie noch in den Park, wo wir eigentlich hingehen wollten, in dem jeden Sonntag Halligalli ist.
Heimfahrt klappte dann doch ohne weitere Missgeschicke. Allerdings glaube ich, dass ich mit Madrid auf Kriegsfuß stehe - vielleicht ähnlich wie Homer Simpson mit New York
Am 1. März wurden die berühmten Fallas de Valencia mit einer Mascleta eingeläutet. Fortan fand an jeden Tag um 14:00 Uhr eine Mascleta und diverse andere Aktivitäten statt und es verging kaum eine Minute, in der man nicht irgendwo in der Stadt einen Feuerwerkskörper detonieren hörte. Eine Mascleta ist eine Art Feuerwerk am hellichten Tag. Da man natürlich die bunten Feuerwerkskörper bei Tageslicht nicht so gut erkennt, liegt das Hauptaugenmerk auf dem Klang - böse Zungen würden es auch Lärm nennen, aber die Pyrotechniker geben sich schon Mühe, den Detonationen einen gewissen Rhythmus zu verleihen. Eine Mascleta fand auch am Strand statt, welche sehr beeindruckend war, da man auch paar Details erkennen konnte, weil der Qualm nicht wie in der Stadt die Sicht verdeckte, sondern aufs Meer geweht wurde. Es wurden farbige Staubwolken versprüht und einmal sogar eine spanische und eine valencianische Flagge an Fallschirmchen auf die Reise geschickt. Wenn einen die Lautstärke nicht störte, konnte man sich in den Sand legen und das Spektakel genießen.
Das richtige Spektakel ging dann vom 16.-19.3. . Allerdings gab es schon am 15. einige Aktivitäten, z.B. diverse Konzerte, für die man allerdings kostenlose Eintrittskarten benötigte, die man an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten bekam. Da ich aber wusste, dass es sich ausschließlich um spanische Pop-Acts handelte, ersparte ich mir die Mühe, mich um Karten zu kümmern. Mein Eindruck wurde auch bestätigt, als wir uns das Konzert im Turia von draußen aus ansahen und so machten wir uns ein bisschen früher auf den Weg Richtung Feuerwerk, das jede Nacht an der Puente de la Exposicón (die Calatravabrücke mit dem geneigten Bogen) im Turia stattfand.
Direkt am Zaun unten im Park war komischerweise recht wenig los, wogegen sich die Leute oben an den Straßen, die parallel zum Turia verlaufen drängten. Wir sollten aber nur wenige Augenblicke später herausfinden, was der Grund dafür war. “Borrachos”, was so viel heißt wie “Besoffene” oder “Alkoholiker”. Hier handelte es sich aber nicht um Besoffene, die im Park rumpöbeln, sondern um Feuerwerkskörper, die diesen Namen tragen, da sie unkontrollierbar durch die Luft springen, sich dabei drehen und Funken versprühen und in einem Knall ihr kurzes Dasein beenden. Diese Borrachos wurden also von mehr oder weniger besoffenen, jedoch auf jeden Fall äusserst bekloppten Spaniern in die Menge geworfen, worauf man Frauenkreischen hörte und mehrere Leute wegrennen sah. Hier war also nichts mit gemütlich Feuerwerk gucken und so schlichen wir uns auf die von einem Polizeiposten bewachte Treppe, um das Feuerwerk genießen zu können.
Es war zwar nur das Eröffnungsfeuerwerk, allerdings stellte es nebenbei so ziemlich jedes Feuerwerk, was ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte in den Schatten.
Nach dem Feuerwerk ging es dann noch zum Plaza de la Virgen und dann zu einer Openair Disko, wo unglaublich schlechte Musik gespielt wurde, was dann aber zu solch später Stunde auch nicht mehr so schlimm war. Jedenfalls war ich dann irgendwann so vernünftig, nach Hause zu gehen, denn am nächsten Tag wollte ich ja auch meine drei Gäste empfangen und die wollten sicherlich auch jede Nacht Action.
Am nächsten Tag kamen also meine Gäste nach und nach eingetrudelt. Zunächst Franzi, die gerade Erasmus in Madrid macht, dann Jan und Espen, meine Mitbewohner beim Sprachkurs in Gandia. Nach einer kleinen Mahlzeit gingen wir zu Christian, dessen WG zwecks einer kleinen Aufwärmparty mal wieder von Franzosen überrannt wurde (der Aufmerksame Leser weiß vielleicht, dass dies an Silvester schon einmal vorgekommen ist). Danach ging es dann - leider etwas zu spät - auf zum Feuerwerk. Gott sei Dank konnten wir es noch einigermaßen gediegen aus der Ferne verfolgen. Danach machten wir uns im Schneckentempo auf Richtung Barrio del Carmen, allerdings übermannte uns die Müdigkeit, bevor wir dort ankamen und wir bekamen in Rekordzeit ein Taxi für die Heimreise.
Die darauffolgenden Tage verbrachten wir überwiegend damit, uns auszuruhen - mal ging es an den Strand, mal zur Ciudad de las Ciencias y las Artes und nachts dann wieder in die Stadt. Es wurde von Tag zu Tag voller und gefährlicher. Es fing schon damit an, dass man morgens um 8 Uhr geweckt wurde von der Despertá. Das ist ein Rachefeuerwerk der Kinder und Rentner, die Nachts nicht ausgehen und dann wollen, dass die jungen Feiernden Leute gefälligst auch keinen Schlaf kriegen und deshalb morgens um 8 mit dem böllern anfangen.
Wenn man sich auf den Straßen bewegte musste man ständig irgendwo Detonationen fürchten und die Paranoia stieg von Tag zu Tag, sodass man irgendwann schon bei einem weggeworfenen Zigarettenstummel zur Seite sprang und zusammenzuckte. Die Feuerwerkskörper, die hier in Spanien verkauft werden sind auf jeden Fall ein anderes Kalibber und wären in Deutschland auf keinen Fall erlaubt. Die Lautstärke hat sicherlich schon bei einigen Leuten einen Tinnitus verursacht, ganz zu Schweigen von den Verbrennungen durch unkontrolliert herumsprigende Borrachos.
Wenn man sich nachts durch das Barrio del Carmen wühlte, was eher einem Labyrinth gleichkam, weil man ständig in irgendeiner durch Bühnen und Menschenmassen versperrten Straße hängenblieb, konnte es schon mal vorkommen, dass man sich auf einem Schlachtfeld wiederfand. Teilweise stauten sich die Massen, weil sich irgendwelche Gruppen gegenseitig mit Borrachos bekämpften und man konnte nur rennend von der einen Seite zur anderen gelangen, wenn ausnahmensweise einmal Waffenstillstand herrschte.
In Bars flüchten war auch eher ein Ding der Unmöglichkeit, da diese genauso voll waren wie die Straßen und so beschlossen wir nach der ersten del Carmen Nacht, woanders unser Glück zu versuchen. Das sollte dann die Bühne eines ziemlich hippen Radiosenders werden, der mächtig einen auf Dicke Hose machte mit Gogotänzern, die teilweise unfreiwillig komische Bekleidung trugen, wie etwa ein halb zerissenes T-Shirt, aus dem die Brustmuskeln des Gogotänzers quollen. Als sie jedoch anfingen mit Schleifgeräten Tonnen zu bearbeiten und ihnen dann auch noch mit Klöppeln periodische Kreischlaute entlockten, die weit über der (durch die ständige Beschallung doch schon recht hoch liegenden) Schmerzgrenze lagen, war für mich die Nacht vorbei. Auch wegen der herannahenden Erkältung zog es mich nach Hause.
Das absolut beste Feuerwerk gab es dann in der Nit del Foc in der Nacht zum Montag. Ein derart gut komponiertes Feuerwerk bekommt man wirklich selten, vielleicht auch an keinem anderen Ort als in Valencia, zu sehen. Feuerschwärme die zuerst aufstiegen, dann herunterfielen, um dann erneut aufzusteigen oder verschiedene Formen wie Herzen oder Kleeblätter. Der Spannungsbogen, der erzeugt wurde war äusserst bemerkenswert. Man wurde ständig wieder aufs neue überrascht, sodass keine es zu keiner der 25min langweilig wurde.
In der letzten Nacht wurden dann traditionell die Fallas verbrannt. Die Fallas sind die bunten Figuren, die an jeder mehr oder weniger wichtigen Straßenkreuzung stehen. Sie sind aus Pappmaché oder viel öfter aus Kunstfaserstoffen, die auf einem Holzgerüst angebracht sind, gefertigt. Der Brauch, diese Figuren zu verbrennen geht auf die Zimmerer zurück, die mit Anbruch des Frühlings die Holzgestelle für ihre Lampen und Kerzen verbrannten, da sie diese im Frühling nicht mehr brauchten. Nach und nach wurden dann auch Strohpuppen verbrannt, später dann kunstvoll gefertigte Puppen aus Holz, Wachs und Stoff und das Fest wurde auf den Tag des Schutzpatron der Zimmerer “San José” gelegt.
Wir wollten uns zunächst eine kleine Cremá (so heißt die Verbrennung der Falla) anschauen und dann die große am Plaza del Ayuntamiento. Allerdings zögerte sich die Verbrennung der Falla um mehr als eine Stunde hinaus und so konnten wir uns nur diese eine anschauen. Diese war allerdings alleine auch schon recht spektakulär. Es war eine riesige Falla auf einem winzig kleinen Platz, sodass der Abstand zu den angrenzenden Gebäuden keine 3m betrug. Aus diesem Grunde mussten die Feuerwehrleute eine Plane aufhängen, die konstant mit Wasser besprüht wurde, um das Gebäude vor der Verbrennung zu schützen. Es klappte doch trotz des starken Windes alles ganz gut und bis auf eine Hand voll Fallas, die wegen der ungünstigen Windverhältnisse erst später abgebrannt werden konnten wurden alle niedergebrannt.
Die ganze Geschichte ist natürlich eine riesen Umweltverschmutzung, was man alleine schon an den pechschwarzen Rauchwolken sieht, aber die Spanier sehen das halt nicht so eng.
Nunja, jetzt ist es vorbei und ich bin irgendwie auch froh drum, Valencia wieder in seiner normalen Form sehen zu können!
… aber im Gegensatz zu dem Text aus dem Lied “The New Year” von Death Cab for Cutie fühle ich doch einen kleinen Unterschied. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich den Einstieg ins neue Jahr mal ein bisschen anders erlebt habe - mit anderen Gesichtern und in einem anderen Land, in dem Silvester vollkommen anders gefeiert wird.
Der Abend begann in Christians WG - einer 9er WG, in der zwar nicht alle Leute zu Hause waren, dafür jedoch umso mehr Gäste aus der Heimat diverser Leute, als da wären: ein Kumpel von Christian und 18 Franzosen, eingeladen von einer einzigen Person. Sie übernachteten auch tatsächlich alle in der WG, die zwar nicht klein ist, aber in Anbetracht einer solch großen Anzahl an Leuten doch an die Grenzen ihrer Schlafplatzkapazitäten gelangt. Ich trudelte also mit Matthias, der aus Deutschland zu Besuch war, auf dieser Feier ein und hatte ganz vergessen, dass das Partymotto “70er Jahre” war - nunja, ich hätte sowieso nur eine Pornobrille gehabt.
Kurz vor 12 versammelte man sich auf dem Dach des 9stöckigen Gebäudes, um einen Überblick über das Feier- und Feuerwerkgeschehen der Stadt zu bekommen. Im Gepäck hatten einige Leute natürlich, nach alter spanischer Tradition Dosen mit 12 Glücksweintrauben, die man ab 12 Uhr mit jedem Glockenschlag eine verzehren muss und sich bei jeder was wünschen darf. Wenn man das alles hinbekommt, wie es die Tradition verlangt gehen die Wünsche auch wirklich in Erfüllung. Leider machte ich alles falsch - ich öffnete meine Dose zu spät, hatte das Wasser noch nicht abgegossen, als es auf einmal losging und ich hektisch die Trauben aus der Brühe fischen musste. Ausserdem kaute ich die Dinger, wobei man sie nur schlucken soll. Also - kein Glück für mich im Jahre 2007. Nachdem das also überstanden war schweiften die Augen über die Stadt und was entdeckte man? Ein lausiges Feuerwerk bei der Ciudad de las Artes y las Ciencias. Wenn man bedenkt wie feuerwerksverrückt die Spanier sonst sind, ist man schon schwer enttäuscht (z.B. wird bei jedem Tor des Valencia CF geböllert oder einfach mal so aus Spass - es gibt so oft Feuerwerke, dass die Leute schon garnicht mehr hinschauen). Nunja die Spanier machen eben auch mal einen Tag im Jahr Pause mit ihrer Feuerwerksverrücktheit. Auch ansonsten war die Stadt eher ausgestorben - an einem durchschnittlichen Mittwochabend ist mehr los in der Stadt. Der Spanier geht eben eher fein Essen an Silvester oder bezahlt horrende Preise für den all-you-can-drink Eintritt in die Disco.
Später am Abend gingen wir noch in die Stadt und dort in einen kleinen Club, aber von diesen Ereignissen kann und will ich an dieser Stelle nicht allzu detailliert berichten.
Am Neujahrstag lachte die Sonne mit gediegenen 22°C und Windstille, also nichts wie an den Strand. Leider erwischte mich am nächsten Tag eine Magen-Darm-Verstimmung und ich musste die Stadtbesichtigungstour, die ich mit Matthias machte vorzeitig wegen des Kübelns in einen Blumenkübel abbrechen. Auch unsere geplante Reise in den Norden Spaniens verzögerte sich dadurch ein bisschen. Aber schließlich buchten wir doch einen Nachtbus nach Bilbao. Leider begann ich zu spät mit dem Packen, weshalb ich die wichtigsten Sachen vergaß: die Kopfhörer für meinen MP3-Player, mein Handyladegerät und meinen Fotoapparat. Aus diesem Grund gibts nun auch nicht wie gewohnt Bilder von der Reise. Aber die werden vielleicht nachgereicht, wenn Matthias es schafft, sie mir aus Indien zukommen zu lassen.
Die Busfahrt war komfortabler als gedacht, doch ich schaffte es trotzdem nicht zu schlafen und wir kamen ein bisschen zu früh in Bilbao an - zu früh, um ins Hostel einzuchecken also gingen wir noch einen Kaffee trinken, checkten schließlich ein und machten uns nach einer kleinen Verschnaufpause auf den Weg Richtung Guggenheim-Museum. Die einzige Sehenswürdigkeit Bilbaos, welches ansonsten recht hässlich ist. Das Guggenheim ist dafür aber umso sehenswerter. Nicht nur architektonisch, auch die Ausstellung lässt nichts zu wünschen übrig. Die Dauerausstellung ist auch mit vielen Werken von deutschen Künstlern (u.a. Beuys) bestückt, die temporäre Ausstellung hatte den Titel “100% Africa”. Kunst aus Afrika sieht man ja nicht alle Tage, umso interessanter war die Ausstellung dann auch. Viele Skulpturen waren knallbunt und ein bisschen naiv gestaltet und meistens aus den einfachsten Mitteln gefertigt.
Nach dem Besuch des Museums ging es noch einmal in die Stadt, um sich noch mit Verpflegung einzudecken, bevor am nächsten Tag - Los Reyes (Hlg. 3 Könige) - die Geschäfte geschlossen bleiben sollten. Die Stadt war auf einmal voll mit Leuten, da ein Weihnachtsumzug für Kinder stattfand. Beim passieren des Kaufhauses und dem Versuch, sich seinen Weg durch die viel zu große Menschenmasse zu bahnen wurde man zu allem Überfluss auch noch agressiv mit Bonbons beworfen - nicht sehr erfreulich, wenn man einfach nur vorwärts kommen will und zu allem Überfluss noch so ungünstig von einem Bonbon erwischt wird, dass es einen blauen Fleck hinterlässt.
Die Suche nach einem gemütlichen und bezahlbaren Restaurant war leider erfolglos und verschlug uns zu allem Überfluss noch in einen der Bezirke, die man wohl als Tourist eher meiden sollte. Doch wir kamen unbeschadet wieder heraus, indem wir einfach auf keines der Geschäftsangebote, die man uns machte eingingen und mit Scheuklappen entschlossen unseren Weg fortführten.
In der Nähe unseres Hostels fanden wir dann doch noch einen bezahlbaren Chinesen, der jedoch ein äusserst schlechtes Timing hatte und uns den Reis nach 5 Minuten brachte, das Hauptgericht jedoch erst, als der Reis schon längst kalt war.
Am nächsten Tag war Heilige 3 Könige, für die Spanier der wichtigste Teil des Weihnachtsfestes, da es an diesem Tag Geschenke gibt und man den Kuchen mit der darin versteckten Überraschung ist. Derjenige, in dessen Kuchenstück sich diese Überraschung befindet ist für diesen Tag der König. Diesen Spass konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und kauften uns am Bahnhof ein kleines Küchlein, leider für einen maßlos überteuerten Preis, aber was tut man nicht alles, um ein kleines bisschen spanische Tradition mitzunehmen.
Das nächste Ziel war San Sebastian oder Donostia wie es auf baskisch heißt. Wir entschieden uns für die Reisevariante Bimmelbahn, die zwar unverschämt lange dauert, dafür aber einen wünderschönen Ausblick auf die nordostspanische Landschaft bietet.
Wir wurden nicht enttäuscht, die Bahnstrecke schlängelte sich an einem Fluß entlang, durch die Berge und manchmal auch an den Strand.
In San Sebstian waren wir in einem Hostel bei einer russischen Familie untergebracht. In einem Stockwerk wohnte die ganze Familie und ein paar Gäste, das andere war rein für die Gäste vorgesehen. Wir landeten bei der Familie im Stockwerk - sehr nette Leute und wir hatten sogar ein Zimmer mit Meerblick.
Wir bestiegen nach dem Einchecken noch schnell den Hügel am Strand, auf dem die Jesusstatue steht. Komisch ist nur, dass Jesus auf seinem ausgestreckten Zeigefinger einen Handysendemast hat, doch ansonsten hat man einen schönen Ausblick über die Stadt und die Landschaft.
Die Stadt war an diesem Tag voll mit ETA-Sympathisanten, die sich wohl wegen des Anschlags in Madrid auf den Plan gerufen fühlten. Doch es lief alles friedlich ab und auch obwohl wir nachts durch eine der Straßen liefen, die man als Tourist besser nicht betritt, passierte uns nichts. Am nächsten Tag war der andere Hügel dran, auf den man mit einer Zahnradbahn kommen kann. Auf dem Hügel befindet sich ein etwas trostloser, morbider Freizeitpark. Nachdem wir eine der Attraktionen, nämlich eine Fahrt im Fantasy-Boot (Preis 1,50€, Dauer etwa 1min) mitgemacht hatten, wussten wir dass dieser Park ganz auf Touriabzocke ausgerichtet ist und ließen die Finger von den anderen Attraktionen. Wir gingen dann am Strand entlang, der übrigens trotz der kalten Jahreszeit mit Surfern geradezu überfüllt war, wieder zurück zum Hostel, um uns später am Abend mit Matthias’ ehemaliger spanischer Mitbewohnerin zu treffen, die leider etwas später als erwartet in San Sebastian eintraf. Wir gingen gemütlich essen und am nächsten Tag ging es dann wieder mit einer 9stündigen Busfahrt nach Hause.
Es war eine schöne Reise, die mich um drei Erkenntnisse bereicherte: 1. Basken tragen wirklich Baskenmützen, 2. Baskisch sieht geschrieben aus wie Klingonisch und 3. San Sebastian ist die schönste Stadt Spaniens.
PS: Entschuldigung dafür, dass ich so lange nichts geschrieben habe, aber das hat folgende Gründe:
Ich kam von der Reise zurück, machte mein Notebook an, surfte ein bisschen, als es auf einmal *yip* machte und der Bildschirm schwarz wurde. Er ließ sich nicht mehr anschalten und ich musste ihn zur Reperatur bringen. Also fast 2 Wochen kein PC und dann auch noch ein paar Klausürchen, über die ich demnächst noch was schreiben werde, quasi als Beweis, dass ich hier tatsächlich auch studiere.
Meine zweite größere Reise in Spanien sollte mich nach Sevilla, Cádiz und Córdoba führen. Erfahren habe ich von dieser Reise durch eine Französin aus Gandía, die mir erzählte, dass diese Reise von einem spanischen Freund geplant würde. Das klang für mich gut und gleichzeitig auch aussergewöhnlich, denn Spanier, die sich mit einer Meute Erasmusstudenten auf eine Reise wagen findet man doch eher selten.
Jetzt galt es also, noch einen Mietwagen mit Leuten aus Valencia zu füllen. Zwei Französinnen wollten sowieso schon mit, also fragte ich noch Christian, der sofort dabei war. Der “Reiseleiter” veranlasste also, dass wir uns morgens am Bahnhof treffen und die Fahrer der Autos zum Flughafen fahren würden, um die Autos abzuholen. Soweit so gut, nur gestaltete sich das “mal eben zum Flughafen fahren” als weit zeitaufwändigeres Unterfangen. Ich war einer von denen, die am Bahnhof warteten, deshalb kann ich die Chronologie der Ereignisse nur in groben Zügen wiedergeben: zuerst fuhren die Fahrer mit dem Bus zum Flughafen, um dort festzustellen, dass die Autovermietung garnicht wirklich am Flughafen war. Aber es war wohl durchaus beabsichtigt von der Autovermietung, dass man zum Flughafen kommt, denn sie hat einen eigenen Shuttleservice, der die Leute zwischen Flughafen und Autovermietung hin und herfährt. Bei der Autovermietung gab es dann wohl noch irgendwelche Unstimmigkeiten, die ich nicht ganz verstanden habe und schließlich kamen sie dann doch etwas mehr als ein Stunde später als geplant zum Bahnhof, um uns abzuholen. Also luden wir hektisch im Klang der hinter uns in der Warteschlange hupenden Autos die Taschen ein, um dann endlich loszufahren. Unser erster Halt war - wieder die Autovermietung! Dort mussten wir erst einmal auf Juans (der spanische Reiseleiter) bessere Hälfte warten, die noch arbeiten musste. Das ist wohl die spanische Art zu planen
Nun konnte es aber wirklich endlich losgehen und so kamen wir nach ein paar kleineren Rastunterbrechungen und nachdem wir alle Autos wieder beisammen hatten (weil ein Fahrer an diesem Tag wohl einen etwas zu schweren Fuß hatte) in Sevilla an, wo wir die Jugendherberge natürlich nicht auf Anhieb fanden und ein wenig die Stadt mit dem Auto erkunden mussten. Nun mussten wir nur noch ein paar Zettel ausfüllen, um unsere Jugendherbergsausweise und Zimmer zu bekommen. Die Zimmer waren äusserst luxuriös - eigentlich fast eher ein Hotel als eine Jugendherberge. Christian und ich waren in einem Zweibettzimmer mit eigenem Bad und eigenem Balkon untergebracht - da könnten sich deutsche Jugendherbergen mal ein Beispiel dran nehmen.
Nachdem wir ein paar Brote gegessen hatten, packten wir ein paar Flaschen ein und machten uns auf den Weg in die Stadt, um einer Botellón zu fröhnen. Die Botellón ist ein spanischer Brauch, um in das Nachtleben zu starten, oder eben auch zu versumpfen und das geht folgendermaßen: man nimmt eine Packung Eiswürfel, Plastikbecher in Cocktailglasform und ein Mischgetränk seiner Wahl, packt das ganze in eine Plastiktüte und geht an einen öffentlichen Platz, wo sich viele andere tummeln, die das gleiche machen - trinken. Allerdings ist der Genuss von alkoholischen Getränken in der Öffentlichkeit in vielen Teilen Spaniens verboten, zum Beispiel auch in Valencia. Dies wurde soweit ich weiß von der Vorgängerregierung beschlossen, um dem Alkoholmissbrauch unter jungen Leuten entgegenzuwirken und den Botellons den Garaus zu machen. Funktionieren tut das ganze nicht wirklich, so gibt es zum Beispiel in Valencia bei der Universitat mehrmals die Woche eine Botellón.
Von Sevilla hatten wir gehört, dass hier der Genuß von Alkohol in der Öffentlichkeit nicht illegal sei, deshalb machten wir uns keine Gedanken. Erst als ein Polizeiauto neben uns hielt und sich zwei Polizisten vor uns aufbauten begannen wir zu zweifeln. Aber die Polizisten waren nett und lustig und erklärten uns geduldig die Sachlage, und winkten auch die Mannschaftswagen, die noch zur Verstärkung vorbeikamen weiter. Sie erzählten uns, dass genau seit diesem Tag ein neues Gesetz in Kraft getreten sei, was verbiete in vielen Zonen der Stadt in der Öffentlichkeit Getränke jeglicher Art zu konsumieren (!) und er würde uns jetzt die Getränke normalerweise wegnehmen, aber heute sei eine Außnahme, sie würden erstmal viel reden. Ausserdem machte er uns darauf aufmerksam, dass eine Strafe von 300€ fällig wäre, wenn man gegen diese Auflage verstoßen würde und fügte breit grinsend an, dass bei uns locker 4000€ zu holen wären. Netterweise erklärte er uns noch, wo wir trinken konnten - wir mussten nur über die Brücke gehen.
Gesagt getan - und dabei festgestellt, dass das sangriaähnliche Getränk, das wir dabeihatten eine Beleidigung für die Geschmacksnerven war, also zogen wir schon ein bisschen früher Richtung Kneipenviertel. Wir gingen dann in eine der Kneipen an der Kneipenmeile, wo es auch deutsches Bier gab - ich bestellte mir ein ch-h-neider Weisse und da der Kellner nicht wusste, wie man sowas einschenkt, gab er mir Glas und Flasche und schaute interessiert zu, wie das eigentlich geht. Danach machten wir uns auf den Rückweg und standen am nächsten Tag viel zu früh auf, um noch ein bisschen von der Stadt zu sehen.
Als erstes gingen wir durch den Parque de María Luisa zum Plaza de España, dann gingen ein paar Leute in die Kathedrale, doch ich hatte keine Lust, denn es kostete Geld und eigentlich sehen sie von innen alle gleich aus. Also mussten diejenigen, die nicht mitgingen warten und ich vertrieb mir die Zeit damit, mein Glück an einem Bankautomaten zu versuchen, der mir fast 100€ geklaut hätte. Schließlich gelang das Unterfangen, die anderen kamen dann auch zurück und es fing an zu regnen.
Wir beschlossen, etwas essen zu gehen. Allerdings ist es bei 14 verschiedenen Meinungen nich allzu leicht, etwas zu finden was jedem passt und so liefen wir zweimal die gleiche Runde durch den strömenden Regen ab, bis wir uns in ein Restaurant flüchteten, was einen passablen Anschein machte. Wir zwei Deutschen saßen am Tisch mit ein paar Französinnen und bestellten uns Carne de la Piedra (Fleisch aufm Stein), weil wir mal wieder was Anständiges essen wollten. Das Essen der Französinnen kam sofort und wir warteten und warteten und die Französinnen auch und sahen ihrem Essen dabei zu, wie es kalt wurde. Auf meine Bitte, sie sollten doch endlich anfangen sagten sie, sie würden lieber warten bis alle was haben. Die sind da wirklich konsequent und sie ließen sich erst überzeugen, als ich ihnen sagte, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn sie auf mich warteten. Da begannen sie dann auch schließlich zögerlich, in ihrer Paella rumzustochern. Bald kam dann auch unsere Überraschung. Zuerst wurde eine Wärmvorrichtung für den Stein auf den Tisch gestellt, dann wurde die vorgeheizte Steinplatte daraufgelegt und das Essen gebracht. Der Name des Gerichts ist hier wirklich wörtlich zu nehmen - man bekommt rohes Fleisch, dass man sich selbst auf den Stein legen muss und dazu lediglich Salz und Senf - noch nicht einmal ein Stück Brot! Das Gericht war gerade mal genug für den hohlen Zahn und so zogen wir schließlich unbefriedigt und immer noch hungrig von dannen.
Die eine Gruppe wollte shoppen gehen, andere in ein weiteres Café und meine Gruppe ging in das Alcázar, das für Studenten sogar kostenlos war. Dieses Schloss ist wirklich riesig groß - so groß, das man sich regelrecht verlaufen kann und ständig das Gefühl hat, noch nicht alles gesehen zu haben, weil man immer wieder neue Sachen entdeckt, so zum Beispiel auch den riesigen Garten, dessen wahre Größe sich zunächst nur erahnen lässt.
Am Abend fuhren wir dann Richtung Cadiz, besser gesagt Jerez, wo sich unsere Herberge befand und fuhren später am Abend nach Cadiz, um dort zu speisen. Unser Reiseführer entführte uns in ein Restaurant an der Küste, das auf den ersten Blick zu nobel aussah, aber in Wirklichkeit äusserst billig und qualitativ hochwertig war. Alle waren zufrieden (bis auf Juan, dessen Essen erst kurz vor Lokalschluss fertig wurde) und wir gingen Richtung Kneipenviertel und kreuzten dabei eine Botellón auf einem Plaza. Hier gibt es eine ganz andere Art, mit der Botellónproblematik umzugehen - man versucht garnicht erst, sie zu verhindern sondern versucht eher, den Schaden einzudämmen. So wurden auf dem Platz extra Mülleimer und Dixiklos (die heißen hier natürlich anders) aufgestellt - trotzdem flossen kleine gelbe Bächlein durch die Seitengässchen. Wir gingen dann noch in eine Kneipe und dann kaputt ins Bett, um am nächsten Tag wieder zu früh aufzustehen und Cadiz noch einmal bei Tag zu besichtigen. Viele Sachen besichtigten wir nicht, da wir zeitig nach Cordoba aufbrechen wollten, um die Stadt noch bei Tag zu sehen. Wir gingen an der Küste entlang zum Castillo de San Sebastian, welches 600m von der Küste entfernt erbaut wurde und über einen Weg zu erreichen ist, leider jedoch nicht betreten werden kann. Wir genossen auf jeden Fall das gute Wetter und den starken Atlantikwind, der uns auf dem Weg zum Castillo die Wellen um die Ohren peitschte.
Die letzte Station war Cordoba und wir schafften es tatsächlich, dort bei Tageslicht anzukommen, nur war die Moschee leider schon geschlossen und so machten wir einfach nur einen Spaziergang durch die Innenstadt. Später am Abend, nachdem wir in die Jugendherberge eingecheckt hatten und uns geduscht hatten, beschlossen Christian und ich ganz selbstlos uns ohne Stadtplan (den wir vergessen hatten) in die Stadt aufzumachen, um nach einem Corte Ingles zu suchen und die Mannschaft mit Getränken zu versorgen. Das ganze war weitaus komplizierter als vermutet und nachdem wir von einem Corte Ingles zum anderen geschickt wurden, weil der erste keine Lebensmittel hatte bekamen wir einen Anruf, dass die anderen schon zum Essen gehen würden. Nun standen wir da mit unseren Bieren und beschlossen, unser Abendmahl einfach in den Burger King zu verlegen. Später trafen wir dann noch die anderen und beendeten den Abend in einer Jazzkneipe.
Leider konnten wir am nächsten Morgen die Moschee nicht mehr besichtigen, weil unsere Fahrerinnen an dem Tag noch in die Uni mussten. Wir schafften es fast auf die Minute genau, in Valencia anzukommen - trotz Schwertransporter, der vor uns über weite Strecken rumeierte. Wir kamen dann in Valencia noch in den Genuss einmal zu sehen, was es bedeutet, in dieser Stadt tagsüber mit dem Auto zu fahren. In die mehrspurigen Kreisel, die natürlich keine Fahrbahnmarkierung haben ordnet man sich nur sporadisch ein und wieselt sich irgendwie wieder raus. Valencia ist laut meinem Flamencolehrer die lauteste und verkehrsreichste Stadt Spaniens - das glaube ich ihm ohne weiteres.
Alles in allem eine gute Reise, nur etwas zu viel in zu kurzer Zeit. Ich muss auf jeden Fall noch einmal nach Sevilla und Cordoba. Das beste an der Reise war unser lustiger spanischer Reiseleiter, der sehr deutlich und geduldig mit uns sprach, was ich bisher noch bei keinem anderen Spanier in dieser Form erlebt habe.
Wie ich ja bereits im ersten Teil erwähnt hatte, begann der Samstag damit, dass ich unsanft von der Putzfrau geweckt wurde, die an ihre Handtücher musste. Was macht man also, wenn man so “früh” geweckt wird? Natürlich Konzerte angucken, denn im Rahmen des Tanned Tin gab es auch mittags (kostenlose) Konzerte. Auf dem Programm standen Grupo Salvaje & El Hijo. Zuerst kam El Hijo, meines Wissens der einzige auf dem Festival, der auf spanisch sang. Das Konzert war solide, ging aber irgendwie an mir vorbei ohne einen nennenswerten Eindruck zu hinterlassen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich noch im Halbschlaf war und noch keinen Kaffee getrunken hatte. Grupo Salvaje waren dann ein bisschen lauter, hatten einen saftigen Gitarrensound. Man könnte die Musik vielleicht als etwas rockigeren Country beschreiben, stark beeinflusst von Johnny Cash, von dem sie dann auch zusammen mit El Hijo einige Songs in rauheren Versionen zum besten gaben.
Den Rest des Nachmittags vertrödelte ich mir dann in der Stadt, ich lief viel herum, fand aber nichts fotografierenswertes, ausser diesen donutförmigen Baum und suchte nach etwas zu essen und fand ein billiges Menu bestehend aus Pasta, Getränk und Kaffee. Der Haken an der Sache war nur, dass die Pasta mikrowellenaufgewärmt war und deshalb die charakteristische Konsistenz hatte, aber ich bin ja nicht so anspruchsvoll. Nun hatte ich fast die ganze Siestazeit erfolgreich vertrödelt und konnte nun die Bücherstände und anderen Geschäfte unsicher machen. Erstanden habe ich eine Kinderversion von Don Quijote, ein lateinamerikanisches Science-Fiction Buch und Klamotten.
Der musikalische Abend wurde von Nick Castro eröffnet, ein fingerzupfender Singer Songwriter aus Kalifornien, der wunderschöne harmonische Songs zum besten gab, die teilweise auf türkisch gesungen waren.
Danach wurde es dann wieder ein bisschen melancholischer. His Name is Alive, das waren eine Sängerin, ein Gitarrist und eine Dame, die die ganze Zeit auf dem Boden saß und ein kleines Tasteninstrument(? die Sicht war durch die Monitorbox verdeckt) bediente und teilweise recht wenig zu tun hatte (1 durchgehender Ton pro Lied). Das Ergebnis war durchaus bezaubernd, die Dame hat eine süße Stimme und bot ihre Songs sehr gefühlvoll dar.
Als nächstes waren APSE dran und es wurde wieder richtig laut. Die Jungs verstanden es, wall-of-sounds auf die Bühne zu mauern, begleitet von treibenden Rhythmen und sogar etwas Gesang, der aber durch Effekte so verfremdet wurde, dass er eher als Instrument benutzt wurde. Man könnte ihre Musik der Intensität nach als Postrock beschreiben, vielleicht mit einem etwas düstereren Einschlag.
Danach kam zur Entspannung mal wieder ein Mann mit Gitarre - David Grubbs, der sehr erfreut darüber war 4000km weit gereist zu sein, um ein 40minütiges Set zu spielen. Ein sympatischer Mann mit guter Popmusik, die mir aber irgendwie nicht im Ohr hängen bleiben wollte.
Dann kamen Okkervil River, sowas wie die everybody’s darlings des Festivals (genau wie M.Ward). Den Sänger sah ich auch schon am Vorabend überall rumgeistern. Er sah sich fast alle Konzerte an und ich bekam mit, wie er verzweifelt nach den Organisatoren suchte, da er Angst hatte, keinen Backstagepass für den nächsten Tag zu bekommen - ulkiger Kerl. Es war übrigens sehr üblich bei diesem Festival, dass sich die Musiker unters Volk mischten. Es kam mir teilsweise so vor, als wären genauso viele Musiker und Reporter anwesend wie Zuschauer, es machte teilweise eher den Anschein eines gediegenen Treffens, einer Art lockere Konferenz für Musiker. Nun kamen sie also auf die Bühne und rissen von Beginn an das Publikum mit. Sie hatten sichtlich Spass an ihrer Performance und freuten sich unheimlich darüber, ihr erstes Konzert in Spanien spielen zu können. Der Sänger war so euphorisch bei der Sache, dass sich seine Stimme beim Singen beinahe überschlug und er teilweise auch fast ins Gröhlen verfiel (vielleicht war er auch ein bisschen zu betrunken). Die Euphorie sprang aufs Publikum über und als Okkervil River dann ihren Hit ‘Black’ spielten gab es kein halten mehr. Die Leute, die sich nicht mehr auf ihren Stühlen halten konnten tanzten in den Seitengängen (das Lied gibt es übrigens hier herunterzuladen -> http://jound.com/okkervil/mp3.html ). Beim letzten Lied ging die Extase des Sängers so weit, dass er seine Gitarre um sämtliche Saiten erleichterte und deshalb die Zugabe am Keyboard spielen musste. Die Jungs kommen übrigens aus Austin (Texas) was irgendwie ins Bild passt, denn sie erinnern mich auf irgendeine Art und Weise an die Jugendlichen aus Dazed and Confused.
Im Anschluss kamen Dakota Suite, die Band um den weißhaarigen Chris Hooson, der mit Abstand dir traurigste Musik des Festivals machte, dies aber nicht gekünstelt sondern aus vollem Herzen. Man merkte, dass der Mann Herzblut in seine Musik steckt, er war ständig unzfrieden, wenn etwas nicht klappte und schrie deshalb teilweise wären der Lieder (nicht ins Mikrofon). Zwischen zwei Liedern fragte er dann das Publikum, welches Lied er als nächstes spielen solle. Er habe zwei zur Auswahl - eines handele von einem Selbstmordversuch, das andere davon, wie er mit seiner Frau im Bett liegt und es um sie herum regnet. Jemand aus dem Publikum verlangte den Selbstmordsong, worauf er entgegnete, dass er diesen Song nicht spielen könne, da er zu intim sei (aber warum hat er dann überhaupt gefragt?) und spielte das Lied mit dem Regen, bei dem er sich beherrschen musste, nicht zu weinen. Dieser Mann lebt sein Musik, das merkte man.
Dann waren Portastatic dran, über die ich jetzt leider kaum etwas sagen kann. Es war recht ruhige Musik mit einer Geigerin und einem Gitarristen/Sänger. Es war schon recht spät und deshalb fielen mir bei diesem Konzert ständig die Augen zu, sei es aus Müdigkeit oder die Musik war dran Schuld, ich darf mir über diese Band keine Bewertung erlauben, sondern nur vermuten, dass sie vielleicht ein bisschen zu einlullend waren.
Nun waren also noch zwei Konzerte übrig und ich hatte keine Ahnung, was mich da erwarten sollte. Das Publikum war schon stark dezimiert, denn es ging schon auf 4°° Uhr zu. Ich fragte den Spanier, den ich dort kennengelernt hatte, weil er mit mir Artificial Intelligence macht, was die beiden letzten Bands so für Musik machen und er antwortete nur “ruido”. Da war ich erleichtert, denn ein bisschen Lärm konnte ich zu solch später/früher Stunde gebrauchen. Noch eine Gruppe mit der Dynamik von Portastatic hätte mich ins Schlaraffenland entführt.
Dann kamen also Magik Markers, das sind Schlagzeug und Gitarre und ein bisschen Gesample. Die Bühnenbeleuchtung ging aus, es färbte sich nur die Leinwand im Hintergrund in abwechselnden Farben, dann kam diese Frau mit der Gitarre in der Hand auf ihren Stöckelschuhen hereingestolpert. Sie bearbeitete ihre Gitarre wie ein Waschbrett und wackelte dabei weiterhin mit nach vorne gebeugtem Körper über die Bühne. Das sah irgendwie stark nach Avantgarde aus und hatte nicht wirklich Hand und Fuß. Vor allem befremdlich war, dass sie keine Mühe verschwendet hatte, ihre Gitarre zu stimmen und ihre Finger nur irgendwo auf dem Griffbrett plazierte, um ungefähr diesen oder jenen Klang zu erzeugen. Als sie dann etwas ins Mikrofon sang und so langsam der erste Schock überwunden war, nahm das ganze ein bisschen mehr Gestalt an und ich begann allmählich zu verstehen, um was es sich bei diesem Auftritt handelte. Es war auf jeden Fall interessant, auch wenn ich es nicht als Musik bezeichnen würde und denke, dass so etwas kein halbwegs gesunder Mensch auf CD genießen kann. So etwas kann nur auf der Bühne funktionieren. Ich musste dabei an moderne Kunst denken, die ja oft nur nach irgendeinem Geklekse oder in Form gebrachter Müll aussieht. Manch einer würde sagen “das kann doch jeder” - rein technisch gesehen stimmt das - genau wie bei der Dame von Magik Markers an der Gitarre, allerdings hat nicht jeder die nötige Eingebung dafür, etwas in solch einer Form zum Vorschein zu bringen.
Nach dem Konzert blieb ich auf meinem Sessel sitzen und konzentrierte mich darauf, nicht einzuschlafen und schaute so durch die Zuschauermengen, die sich während Magik Markers noch stärker dezimiert hatten. Dabei entdeckte ich auf der VIP Tribüne zwei Mädels, die mir zuwinkten - schüchtern wie ich bin traute ich mich nicht über ein Zurücklächeln hinaus. Wenig später kam eine der beiden runter und fragte mich, ob ich zu ihnen hochkommen wolle. Ich hatte natürlich nichts dagegen. Sie fragte mich, ob ich Musiker sei, was ich ja leider verneinen musste. Die beiden waren aus England und arbeiteten für ein Fanzine, was sie gerade erst aufgezogen hatten. Sie erzählten mir einige interessante Geschichtchen aus dem Backstagebereich, so zum Beispiel, dass die Dame von Magik Markers mit dem Gitarristen von Six Organs of Admittance zusammen sei. Ich muss sagen - da haben sich die Richtigen gefunden. Ausserdem erzählten sie, dass auf diesem Festival alles ein bisschen anders sei. So wurden sie etwa von einem Musiker verfolgt, der ihnen eine CD schenken wollte. Normalerweise stalken Reporter ja die Musiker und nicht andersherum…
Als Abschlusskracher kamen an diesem Abend Mouthus, eine weitere Lärmkombo bestehend aus Gitarrist und Schlagzeuger - was braucht man auch mehr um ordentlich Radau zu machen. Das ganze lehnte sich ein bisschen mehr an Songstrukturen an, als die Magik Markers zuvor, auch wenn hier “ein bisschen” nicht wirklich bedeutet, dass jeder Mensch diese Performance als Musik bezeichnen würde. Aber es gefiel mir, es hatte ordentlich drive, war sogar teilweise fast schon groovy, vor allem als dann auch noch der Six Organs Of Admittance Mann auf die Bühne kam, um den Lärmpegel noch ein bisschen anzuheben. Nun dachte ich endlich mal daran, von seinen äusserst extatischen Bewegungen bewegte Bilder zu machen.
Danach blieben noch ein paar Stunden Schlaf und zwei weitere Konzerte am nächsten Tag. Zum einen Spires That In The Sunset Rise. Ich hab mal nachgeschlagen, was spire heißt - Turm oder Spitze oder Turmspitze. Der Bandname passte auch irgendwie, atmosphärische Musik, wie um ein Naturschauspiel zu beschreiben gehauchten Gesängen. Und dann spielten auch noch The One Ensemble, schöne Musik mit vielen verschiedenen Instrumenten, mehr weiß ich leider nicht mehr.
Danach begleitete ich die beiden Damen vom Vorabend mit dem Zug nach Valencia. Auf der Hinfahrt hatten sie ein Taxi genommen und natürlich viel zu viel Geld bezahlt, also baten sie mich, ihnen zu helfen, was ich natürlich gerne tat.
Das Festival war wirklich de puta madre (das ist ein positiver Ausdruck) und ich kann es jedem Liebhaber der mehr oder weniger alternativen Musik wärmstens empfehlen. Selbst die Anreise aus Deutschland würde sich lohnen, kostet ja nicht so viel mit Ryanair.
Wie ich manchen schon erzählt habe, bin ich ja mit der Musikszene in Valencia etwas unzufrieden (etwas ist wohl ein bisschen untertrieben). Das Nachtleben hat bisher nur schlechte spanische Popmusik oder furchtbare Kommerzdiskomusik hervorgebracht und wenn mal rockbare Musik gespielt, dann unter solchen Umständen, dass sie keinen Spass gemacht hat (schlechter Sound + Erasmusparty). Umso erfreuter war ich dann, als ich das Tanned Tin Festival entdeckte, das auch noch ganz in meiner Nähe stattfand. Ich kannte zwar nicht viele der Bands, aber alleine für die wenigen, die ich schon kannte lohnte sich die Fahrt. Das Festivalprogramm erstreckte sich über 5 Tage, ich konnte allerdings nur die letzten 3 kommen, weil ich am Freitag noch ein kleines Zwischenexamen in Artificial Intelligence hatte.
Also machte ich mich am Freitag auf den Weg nach Castellón, von dem einige Erasmuskollegen sagten, dass es eine tolle Stadt sei und sie dort viel Spass hatten und meine spanische Mitbewohnerin, dass es eine der langweiligsten Städte sei, die sie kennt und man dort nichts machen könne. Das war mir dann eigentlich auch egal, es ging mir ja nur ums Festival und ich musste mir ja lediglich nachmittags ein paar Stunden in der Stadt um die Ohren schlagen. Meine Pension war nicht gerade die sauberste - verschimmelte Duschvorhänge und der charakteristische Pensionsmuff. Immerhin hatte ich ein Dreibettzimmer mit Balkon für mich alleine für 20€ die Nacht. Der Balkon wurde allerdings auch zum Wäsche aufhängen genutzt, was mir am nächsten Morgen zum Verhängnis werden sollte, da die Putzfrau mich aus dem Schlaf reißen musste, um an die Handtücher auf dem Balkon zu kommen.
Nun aber zum wichtigen Teil - meinem äusserst subjektiven Festivalbericht, gespickt mit unscharfen Bildern: den Anfang machte am Freitagabend Manyfingers. Das ist das Soloprojekt des Briten Chris Cole, der normalerweise mit Matt Elliot und anderen Gruppen unterwegs ist und mit diesem auch schon beim Tanned Tin Festival aufgetreten ist, allerdings heute alleine war und dementsprechend aufgeregt war. Er kam mit einer Schnapsflasche auf die Bühne, von der er gelegentlich nippte und sagte, dass er noch nie so aufgeregt gewesen sei und entschuldigte sich schon im vorneherein für die Fehler, die er seiner Meinung nach machen würde. Ich habe selten so einen hektischen Auftritt gesehen, der Mann wuselte die ganze Zeit auf der Bühne rum, hatte seine manyfingers ständig an verschiedenen Instrumenten wie Schlagzeug, Akkordeon, Keyboard, Gitarre die er dann in den Loop einfügte und machte immer ein Gesicht, als würde gerade alles schiefgehen. Der Zuhörer merkte davon allerdings nichts und ließ sich einlullen von den Loopzaubereien, die teilweise auch rückwärts eingepielt wurden. Klang ein bisschen nach Four Tet. Er bekommt von mir die rote plongaKugel für die hektischste Performance und für das überklebte Applesymbol auf seinem iBook.
Als nächstes waren hrsta dran, eine Band vom ehemaligen Godspeed You! Black Emperor Mitglied Mike Moya. Durch diese Band bin ich überhaupt erst auf das Festival aufmerksam geworden, da ich die Veröffentlichungen von Constellation Records (GY!BE, A Silver Mt. Zion) interessiert verfolge und so auch auf die Tourdaten gestoßen bin. Die Band macht im Gegensatz zu den beiden berühmtesten Beispielen des Labels Musik, die sich eher an herkömmlichen Songstrukturen orientiert, jedoch die typische bedrückende Atmosphäre des Labels aus Montreal verbreitet. Ruhige Musik, die manchmal lauter wird, eine halb gehauchte halb gefistelte Stimme und fiepsige Klänge, die teilweise durch mit Geigenbögen bearbeitete Gitarren erzeugt werden. Das Konzert hat meine Erwartungen erfüllt, schön wars. Allerdings gibts die pinkene plongaKugel für die hässlichste Gitarre des Festivals.
Die nächste Dame aus der Constellationfamilie kam gleich danach - Carla Bozulich heißt die gute und macht depressive langsame Musik und ließ das Publikum wissen, dass das machen und aufführen ebendieser das einzige sei, was in ihrem Leben nicht total “fucked-up” sei. Die Darbietung ihrer Songs war äusserst leidenschaftlich und ging unter die Haut. Die Musik ist schwer zu beschreiben. Carla Bozulichs leidender, wütendender Gesang ist untermalt von Orgeln, Gitarren und Bässen und manchmal auch knackenden Geräuschen.
Danach war dann der famose M. Ward dran. Der kleine Kerl kam mit seiner Gitarre auf die Bühne und rockte erstmal ein Instrumentalintro runter. Er macht Singer Songwriter Musik, die manchmal stark in Richtung Country geht. Hin und wieder setzte er sich auch mal ans Klavier. Das Konzert schloss er mit meinem Lieblingslied von ihm ab, leider jedoch versaute er am Ende einen Loop - kleiner Wermutstropfen aber trotzdem ein furioser Auftritt.
Als nächstes kamen dann die Montgolfier Brothers - eine britische Band, die sehr britisch klangen und im Hintergrund auch noch einen äusserst britischen Film laufen ließen (Laut Sänger “The London No One Knows” aus dem Jahre 1967). Über die Musik kann ich nicht viel sagen - sie war nett, ist aber ein bisschen von sich hingeplätschert. Vielleicht war ich auch zu sehr von der Filmprojektion abgelenkt. Eine Sequenz handelte davon, dass Eier auf verschiedene Arten zerstört wurden. Einmal fuhr eine Dampfwalze über Eier, einmal wurde eine Ei unter eine Bügelmaschine gelegt, dann war da noch der Kung-Fu Kämpfer, der Eier mit Handkantenschlägen zermatschte und die Müllmänner, die Haufenweise Eier in ihr Müllauto schaufelten. In anderen Sequenzen sah man Straßenmusiker in Zeitlupe oder Aale, die in mundgerechte Happen zerhackt wurden. Komischer Film - ich muss ihn mal mit Ton sehen.
Danach wurde es laut und wild. Im Vorfeld hatte ich über diesen Gitarristen von Six Organs of Admittance gelesen, dass er ein Fingerpicker ist. Davon sah man während des Konzertes allerdings nicht sehr viel, da der feine Herr wie ein Affe auf dem Schleifstein auf der Bühne rumsprang und seine Gitarre in allen möglichen Haltungen bearbeitete. Mal hinter dem Kopf, mal links-rechts-über-unter dem Körper oder alles gleichzeitig. Die Band bestand nur aus Schlagzeug und Gitarre, dementsprechend war auch viel Platz auf der Bühne, der jedoch recht effektiv vom extatischen Gitarristen ausgenutzt wurde. Die Musik war noise in seiner extatischsten Form. Ich weiß nicht, ob ich mir sowas auf CD anhören könnte und ich glaube, solche Musik lebt auch einfach von der Liveperformance und die war sehr beeindruckend. Leider habe ich es versäumt, davon ein Video aufzunehmen, aber dazu später mehr. The Radio Dept.: Ich würde die Musik mal salopp gesagt als Synthiepop bezeichnen. Ein Keyboarder und zwei Gitarristen aus Schweden. Der Auftritt war ein bisschen lustlos und weichgespült, aber irgendwie auch schön. Am meisten Spass hatte ich jedoch am Aussehen der Band. Der stämmige Keyboarder mit dem Schnauzbart sah eher aus wie Ede von der Baustelle und der Gitarrist wie Samson von der Sesamstraße in menschlicher Gestalt. Ein riesiger Knuddelbär in dessen Pranken die Gitarre wie eine Geige wirkte - dafür gibts die plongaFellkugel.
Als letztes kamen an diesem Abend noch Darren Hayman (der Mann mit dem Birnenarsch) und seine Band. Deren Musik kam beim Publikum wirklich gut an, weil wohl zu solch früher Stunde Bedarf an treibender Gutelaunemusik herrschte. Der Sänger gab sich auch alle Mühe, zwischen den Liedern lustige Sachen zu sagen, kam bei mir damit aber nicht an, also investierte ich die Zeit für mich sinnvoller und lauschte meiner Matratze - die behauptete wenigstens nicht, komisch zu sein.
Alles in allem ein toller erster Tag - komisch war nur, dass ausgerechnet ich neben dem Publikumstrottel sitzen musste. Man kennt das ja, es gibt bei Konzerten immer irgendjemanden, der was reinschreit, jemanden der regelmäßig zu früh anfängt zu klatschen, jemanden der grundsätzlich beim Klatschen den letzten Klatsch haben muss. Aber dass es das alles in einer Person gibt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dieser Kerl rief nach fast jedem Lied in aller Regelmäßigkeit “BRRRRAVO”, machmal auch mitten im Lied und streckte seine Hände beim Klatschen dem Künstler entgegen und sprang auch hin und wieder von seinem Stuhl auf. Doch damit nicht genug, dieser Mensch konnte sogar im Sitzen tanzen und die ganze Sitzreihe und die vor sich zum Wackeln bringen und dabei mit seinen Händen wild gestikulierend irgendwelche Instrumente imitieren. Im Onlinejargon nennt man sowas Attentionwhore - lustig, wie das Temperament mit manchen durchgehen kann, wenn sie gute Musik hören.
Das war der erste Teil des Festivalberichts und der zweite kommt - hoffentlich - morgen.
Eine kleine bedauerliche Mitteilung: Leider wird es in Zukunft nicht mehr möglich sein, in der Bildergalerie Bilder ohne Anmeldung zu kommentieren. Leider hat irgendein unverbesserlicher Mensch einen Spambot auf meine Galerie losgelassen, der nun dort immer wieder sein Unwesen treibt und die Kommentare mit URLs von sehr unanständigen Seiten bombardiert. Da ich in den Einstellungen der Coppermine-Galerie keine andere Möglichkeit fand, musste ich das Kommentieren durch nicht angemeldete Benutzer unterbinden. Man muss sich jetzt also erst über “registrieren” (links oben in der Bildergalerie) ein neues Konto anlegen (das durch mich freigeschaltet werden muss) und sich jedesmal, bevor man einen Kommentar schreiben will anmelden. Diejenigen, die Uploadrechte auf die Galerie haben können natürlich ihren bestehenden Account zum Kommentieren verwenden.
Ich hoffe, diese kleine Barriere wird eure Lust am Kommentieren nicht schmälern, also: registriert euch und kommentiert munter drauf los!
Wenn sich irgendjemand mit Coppermine-Galerien auskennt und eine bessere Lösung parat hat, kann er mir diese natürlich gerne mitteilen!
Letztes Wochenende gab es also die erste Reise. Der Zeitpunkt war günstig, da wir einen Brückentag nutzen konnten. Also beschlossen wir - das waren drei Deutsche, zwei Holländer und drei Französinnen einen Kleinbus zu mieten und irgendwo hinzufahren. Wir machten uns im Internet auf die Suche nach einer billigen Autovermietung, wurden fündig und buchten ein Auto. Doch nun kam die wichtige Frage - wohin eigentlich? Wir wollten einen Kontrast zum hektischen und lauten Valencia also beschlossen wir, die erste Nacht in Toledo, einer kleinen Stadt in der Nähe von Madrid zu verbringen. Um die Unterkunft machten wir uns keine Gedanken, würde sich schon was finden.
Am nächsten Tag fuhren wir also zum Flughafen, um unser Mietauto abzuholen und mussten prompt feststellen, dass unsere tolle billige Autovermietung gar keinen eigenen Schalter hatte und ihre Autos gegebenenfalls über andere Autovermietungen vermietete. Nicht jedoch in diesem Fall und das sei wohl schon des Öfteren vorgekommen, wie uns der nette Herr einer anderen Autovermietung mit dem Satz “it’s the worst one you can get” klarmachte. Also mieteten wir einen Mercedes Vito, bestimmten die zwei unglücklichen Fahrer (die beiden Christians) und es konnte losgehen.
Cuenca
Unser erster Stop führte uns spontanerweise nach Cuenca, was nur einen “kleinen” Umweg bedeutete. Christian durfte gleich einmal erleben, was Auto fahren in einer spanischen Altstadt bedeutet. Natürlich sind die Gassen viel zu eng und zu steil, um komfortabel voranzukommen, geschweige denn wenn die Stadt gnadenlos überfüllt ist. Wie dem auch sei, die Mühe lohnte sich. Cuenca ist eine kleine aber feine Stadt auf einem Gebirgsplateau, berühmt für seine casas colgadas (hängende Häuser) und einen wunderschönen Ausblick auf die beeindruckenden Felsformationen in der Umgebung. Leider wurde die Idylle durch geistig äusserst beschränkte Biker gestört, die es für nötig hielten ausgerechnet an diesem schönen Tag auszuprobieren, wie laut ihre Motoren donnern können und wie sehr sie die Nerven der Anwesenden strapazieren können. “Stupid White Man!”
Unsere Reise führte uns weiter zum Ziel unserer Begierde. Die Reisenden, die nicht fahren mussten nutzten die Gunst der Stunde für ein kleines Nickerchen und die Fahrer ergötzten sich an der kargen Landschaft.
Toledo
In Toledo angekommen, beschlossen wir, den gleichen Fehler wie in Cuenca nicht noch einmal zu machen und das Auto am Fuße der Stadt stehen zu lassen, um die Stadt zu Fuß zu erkunden und vor allem - ein Unterkunft für die Nacht zu finden. Die ersten Hostels, deren Adressen wir aus dem Lonely Planet hatten (und deren Hausnummern auch existierten) waren voll. Diejenigen, die wir dann zu Fuß erkundigten waren auch voll, also gewöhnten wir uns immer mehr an den Gedanken, die Nacht im Auto verbringen zu dürfen, auch wenn es noch ein Fünkchen Hoffnung gab. Aber auch dieses Fünkchen Hoffnung verlosch, als wir dann erfolglos in einem Hostal anriefen, dass etwa 7km entfernt von Toledo an der Autobahn nach Madrid lag. Es wurde langsam Nacht und wir fuhren noch in einen Supermarkt, um uns Sachen zu kaufen, die uns die Nacht vielleicht wenigstens ein bisschen erträglicher machen würden (Wein). Ein Essen im Restaurant durfte es dann aber doch sein, wenn es schon kein Bett für die Nacht gab. Also aßen wir bei einer Art Italiener mit griechischen Spezialitäten und tranken ein bisschen Wein neben der Kathedrale, um uns dann schließlich noch einmal in einem Irishpub für die Nacht aufzuwärmen.
Schließlich kam die Stunde der Wahrheit und die zwei Kühnsten beschlossen draußen zu schlafen, obwohl wir vorher schon wussten, dass es Nachts in dieser Gegend nur knapp über 10°C haben würde (O-Ton von Dennis, der seit seiner Ankunft in Spanien ausschließlich Flipflops getragen hatte: “Shit I have to wear SHOES!”). Mir sollte es auf jeden Fall recht sein, denn ich nahm mir als einer der Fahrer das Privileg, den besten Platz für die Nacht auszusuchen - auf dem Doppelbeifahrersitz ganz alleine. Doch meine Freude währte nicht lange. Bald flüchtete sich Flipflop-Dennis, der sogar ohne Schlafsack draußen geschlafen hatte und dementsprechend mit Heu und Dreck bedeckt war auf den Fahrersitz und wenig später dann auch Christian. Also war ich in kurzer Zeit vom besten Schlafplatz zum schlechtesten abgestiegen und eingezwängt mit keinem Platz für meine Beine und keiner Ablagemöglichkeit für meinen schweren Kopf.
Am nächsten Morgen stärkten wir uns - wenn wir nach dieser Nacht nicht schon vor Energie strotzten mit einem kleinen Frühstück auf dem vom nebenan parkenden Renault, der kurzerhand als Tisch umfunktioniert wurde und machten die Stadt unsicher, nicht jedoch ohne vorher eine Unterkunft für die nächste Nacht zu suchen - man tritt ja schließlich nicht zweimal in das gleiche Loch! Also ging ein Teil der Gruppe in einen Locutorio (so heißen die Läden, wo man telefonieren und surfen kann), wo Dennis kurzerhand ein Voice-Over-IP Programm auf dem Rechner installierte, mit dem man kostenlos aufs spanische Festnetz telefonieren konnte. Wir versuchten unser Glück zunächst in Madrid, während ich schonmal nach einer anderen Stadt suchte, die besuchenswert wäre und vielleicht auch genug Betten für acht Nasen zu bieten hätte. Nachdem Christian etwa 20 Telefonate mit Madrid geführt hatte beschloss ich, Segovia anzurufen, wo wir dann tatsächlich nach nur 10 weiteren Telefonaten eine Unterkunft für alle gefunden hatten. Jetzt konnten wir uns also endlich mal in Ruhe Toledo anschauen. Nunja, nicht in Ruhe da wir vor 18°° Uhr in Segovia sein mussten.
Toledo ist - genau wie Cuenca ein - auf einem Berg gelegenes schönes kleines altes Städtchen, das in der spanischen Geschichte eine wichtige Rolle spielte (es war bis 1561 die Hauptstadt Spaniens). Die Stadt ist ausserdem berühmt für ihre Schwerter, weshalb es hier einen Schwertshop neben dem anderen gibt, und den Maler “El Greco”, der hier seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte.
Die Reise führte uns weiter an Madrid vorbei Richtung Segovia. Da Christian fuhr, konnte ich ein Nickerchen machen. Als ich die Augen zumachte, waren wir von einer kargen steppenartigen Landschaft umgeben, als ich sie wieder aufmachte, fuhren wir durch wunderschöne grüne hügelige Landschaften. Wir konnten es uns nicht verkneifen, an einem trockenliegenden Fluss halt zu machen, um ein paar Fotos von dieser Augenweide zu machen.
Segovia
In Segovia angekommen, nahmen wir ein Mahl im Restaurant des Hostals zu uns. Als Nachtisch gab es sogar ein hausgemachtes Eis, das der Koch extra in einer Plastikverpackung eingeschweißt hatte und es uns auch in dieser Form auf dem Teller drapierte. Nach dem Essen dauerte es nicht lange, ehe man sich zu Bette begab - in Betten, die bequemer waren als mein eigenes, was aber auch keine große Kunst ist.
Am nächsten Tag machten wir uns über die Sehenswürdigkeiten von Segovia her. Wir starteten bei der Kathedrale, tranken einen Kaffee und gingen weiter zum Alcázar, welches Walt Disney zum Design des Dornröschenschlosses inspirierte und schließlich weiter zum römischen Aquädukt, einem äusserst beeindruckenden, 728m langen Ingenieurbauwerk, das im 1. Jh. n.Chr. vollkommen ohne Mörtel erbaut wurde und die Stadt bis in die 1970er Jahre mit Wasser versorgte.
Schließlich machten wir uns auf die lange Heimreise.
Manche Wörter der spanischen Sprache kann ich mir einfach nicht merken. Erst wenn ich sie wirklich “erlebt” habe bleiben sie für immer in meinem Gedächtnis haften. So auch das Wort “atasco” (Stau) - erlebt zuerst auf einer überfüllten Landstraße, weil wir die Mautgebühr sparen wollten, dann auf einer Autobahn, die wegen unerfindlichen Gründen für 10-20km nur einspurig zu befahren war.
Alles in allem war es eine sehr lustige und interessante Reise. Sie hat mich um einige Eindrücke (und ein Handtuch) bereichert und Lust auf mehr gemacht.
Mein Mitbewohner arrangierte für mich ein Treffen mit einem seiner Kumpels, der ein Damenmountainbike und ein Herrenmountainbike zum Verkauf anbot. Also machte ich nach einigen bruchstückhaften Telefonaten (1. Handyguthaben leer - 2. für 1€ kann man von einer Telefonzelle aus gerade mal 10 Sekunden aufs Handy telefonieren) ein Treffen mit einem Freund des Freundes aus, da letzterer keine Zeit hatte. Ich ging also dort hin und musste feststellen, dass das Herrenfahrrad in einem alles andere als fahrtüchtigen Zustand war. Hinterreifen platt und wackelig, Bremse kaputt, angerostet und es wäre ein Wunder gewesen, wenn die Gangschaltung funktioniert hätte. Also sagte ich dem Freund des Freundes, nennen wir ihn Danilo, dass ich das Fahrrad in diesem Zustand unmöglich kaufen würde und wir erstmal schauen müssten, ob der Schlauch überhaupt die Luft hält. Nun hatte er aber keine Pumpe für das Fahrrad, da es ein sehr exotisches Ventil hatte (dieses französische schmale - wie auch immer das heißt). Also beschlossen wir nach einem Telefonat mit dem Besitzer des Fahrrads zur Autowerkstatt zu gehen, um es dort aufzupumpen. Das gestaltete sich weitaus schwieriger als gedacht, da der Mantel immer wieder abrutschte. Schließlich gelang es Danilo allerdings doch, den Reifen aufzupumpen, um mir dann stolz das Ergebnis zu präsentieren… und kurz später zusammenzuzucken, da sich der Reifen mit einem lauten Knall verabschiedete. Jetzt war natürlich klar, dass ich dieses Fahrrad nicht kaufen würde und ich handelte das Damenfahrrad auf 50€ runter.
Jetzt bin ich also stolzer Besitzer eines Mountainbikes, das auf den ersten Blick viel zu gut aussieht, um es draußen anzuschließen, auf den zweiten Blick jedoch seine Schwächen preisgibt: wackeliges Hinterrad, Gangschaltung defekt, halb abgebrochenes Pedal. Ich hoffe mal, dass mir das Rad noch eine Weile erhalten bleiben wird und die zwei Schlösser, die ich gekauft habe halten, was sie versprechen.
Meine Neuanschaffung musste ich dann natürlich gleich ausprobieren und machte mit Christian einen kleinen Ausflug zur Ciudad de las Artes y de las Ciencias. Fotos gibts natürlich in der plongalerie.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch gleich noch ein bisschen Werbung für Johannes’ Erlebnisbericht aus Thailand im Forum machen. Wer ihn noch nicht kennt, sollte ihn mal von vorne bis hinten durchlesen, es ist sehr witzig geschrieben und die Geschichten sind sehr interessant.
Es ist eigentlich garnicht so schwer, in Valencia ein Fahrrad zu kaufen. Entweder man geht in ein Fahrradgeschäft und kauft sich ein nagelneues Fahrrad, das dann sicherlich auch recht bald den Besitzer wechseln wird oder man kauft sich ein gebrauchtes, was sicherlich auch bald den Besitzer wechseln wird. Allerdings ist das weniger ärgerlich, da es eben nicht so teuer ist und man es sich mit etwas Glück auf dem sonntagmorgendlichen Markt vor dem Fußballstadion wieder zurückkaufen kann.
Ich entschied mich also für die Marktvariante und stand am Sonntag zu einer sehr unchristlichen Zeit auf, um - wie etliche andere Erasmusstudis - ein Fahrrad zu erwerben. Der Markt war alles andere als vertrauenerweckend. So viel Schrott habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Unglaublich, was diese Gammler alles verkaufen wollen! Es kam mir teilweise so vor, als hätten sie einfach irgendwas von der Straße aufgesammelt und versuchten nun, es zu verkaufen. Ein durchschnittlicher deutscher Sperrmüll ist dagegen das reinste Designermöbelhaus. Es stand auch ein Reisebus auf dem Parkplatz, in dem ein paar junge Damen saßen. Außen am Bus waren Fotos von diesen “aufreizend” gekleideten Jungen Damen zu sehen, versehen mit einem Text, von dem ich nicht jedes Wort, jedoch den groben Inhalt verstehen konnte. Die krakeligen Zeichnungen von männlichen Geschlechtsteilen erleichterten das Verständnis ungemein. Ansonsten gab es noch allerlei Hehlerware, wie zum Beispiel Autoradios oder eben Fahrräder. Das Angebot war jedoch wesentlich geringer als die Nachfrage und so lief man die ganze Zeit wie ein aufgescheuchtes Huhn über den Parkplatz, um zu sehen, wo es die neuesten Fahrräder gab. Immer wenn ein etwas größeres Auto ankam, wurde es gleich von einem Pulk fahrradgieriger Studenten umgeben. Die Verkäufer passten ihre Preise entsprechend an. Zum Beispiel ein etwas älterer Herr, der ein Klappfahrrad mit platten Reifen und eine uralte Rostlaube, die er als Klassiker anpries für je 50€ verkaufen wollte. Später kam dann noch ein Bande mit einem Kleinbus an, die ihre neu geklauten Mountainbikes für 55€ verkaufen wollten. Während ich die Fahrräder begutachtete kam ein Freund vorbei, der mir seine neueste Errungenschaft - ein voll funktionsfähiges Fahrrad für nur 25€ - zeigte. Ich sagte einem der Verkäufer, wie er denn auf die Idee komme 50€ zu verlangen, wenn es andernorts Fahrräder für die Hälfte gäbe, worauf er mir entgegnete, alle anderen Räder seien Schrott und er habe seine Mountainbikes gerade neu repariert. Ich konnte es mir nicht verkneifen und demonstrierte ihm, dass die Bremswirkung von einem seiner Mountainbikes praktisch für die Füße sei. Das erfreute ihn weniger und er machte mir klar, dass ich doch verschwinden solle, da er mir ohnehin kein Fahrrad verkaufen würde. Das machte ich dann auch und zog unverrichteter Dinge von dannen.
Nun muss ich mich also anderweitig umschauen, da ich keine Lust habe, diesen Heelern Geld in den Rachen zu schieben und das nur dafür, dass sie mir das Fahrrad dann irgendwann wieder klauen. So ist es auch dem Freund ergangen, der sein 25€ Fahrrad mit zwei Schlössern abschloss. Inzwischen hat mein Mitbewohner arrangiert, dass ich von einem seiner Freunde ein gebrauchtes Mountainbike für 50€ abkaufen werde - das ist mir dann doch wesentlich lieber.
Ich kann es kaum erwarten, die Stadt mit dem Fahrrad zu erkunden. Bahn fahren nervt, vor allem auch deshalb, weil sich die Fahrtzeiten so garnicht am spanish way of life orientieren. So fährt meine letzte Bahn Richtung Stadt um 23°° Uhr. Zu dieser Zeit hat der durchschnittliche Spanier gerade mal zu Abend gegessen. Nunja, am Montag bin ich dann hoffentlich Besitzer eines ehrlich erworbenen Mountainbikes und dann kanns losgehn =)